Der Tag, an dem Rom fiel

Wenige Tage waren vergangen, seit Hadrian zum Kaiser ausgerufen worden war. Im Forum sprach man noch darüber, als wäre es eine Nachricht wie jede andere. Händler stritten über den Preis von Getreide, ein Schreiber las die Namen der Toten aus der letzten Nacht vor, und vor dem Tempel des Saturn drängten sich Männer, die wissen wollten, ob der neue Kaiser den Krieg mit den Parthern beenden würde.
Ich stand bei den Stufen der Rostra und wartete auf einen Mann, der mir eine Schuld bescheinigen sollte. Ich erinnere mich an die Hitze des Steins unter meinen Sandalen. An den Geruch von Öl, Schweiß und den Abfällen, die zwischen den Pflastersteinen lagen. An eine Taube, die auf dem Kopf einer Statue saß.
Dann bebte die Erde.
Nicht einmal. Immer wieder. Das Forum schwankte unter uns, als läge darunter ein gewaltiges Tier, das im Schlaf nach Luft rang. Die Säulen des Saturntempels ächzten. Von der Curia Julia kam ein dumpfer Schlag, dann stürzte ein Teil ihres Daches ein. Menschen rannten, noch bevor sie wussten, wovor.
Der erste Riss entstand mitten zwischen den Ständen.
Ich kann ihn nicht anders nennen. Der Boden barst nicht. Er riss auch nicht auf wie bei einem Einsturz. Etwas Schwarzes öffnete sich darin, eine Tiefe ohne Grund, umgeben von glühenden roten Linien. Pflastersteine lösten sich aus dem Boden und schwebten in der Luft. Zwischen ihnen zuckten Blitze, rot wie geschmolzenes Eisen.
Ein Mann neben mir hob die Hand, um sein Gesicht zu schützen. Der Blitz traf ihn, ohne Donner und ohne Vorwarnung. Für einen Augenblick war er nur eine helle Gestalt. Dann lag er auf den Steinen. Die Frau, die bei ihm gewesen war, kniete nieder und rief seinen Namen.
Der Mann stand wieder auf.
Nicht wie ein Verletzter. Nicht wie ein Schlafender. Er stand auf, obwohl sein Hals in einem Winkel hing, den kein lebender Körper aushält. Die Frau wich zurück. Er griff nach ihr. Um uns herum geschah dasselbe. Wer dem roten Licht zu nahe gekommen war, erhob sich wieder, sobald der Rauch sich legte.
Da brach das Forum auseinander.
Vom Tempel des Castor und Pollux stürzten die Säulen auf die Menge. Feuer sprang von Dach zu Dach. Der Himmel über dem Palatin wurde schwarz, obwohl es noch Mittag war, und in der Dunkelheit donnerte es ohne Pause. Niemand gab mehr Befehle. Die Männer mit den Stäben der Stadtwache liefen ebenso wie die Händler, Sklaven und Senatoren. Rom hatte für jeden von uns einen Platz gekannt. An diesem Tag wusste niemand mehr, wohin er gehören sollte.
Aus dem Riss kam etwas hervor, das nicht zu den Toten gehörte.
Ich sah zuerst nur eine Hand, zu lang und zu dünn, mit Gelenken an Stellen, an denen keine Gelenke sein dürfen. Dann zwei helle Punkte in der Tiefe. Vielleicht waren es Augen. Vielleicht auch nur Feuer. Die Gestalt zog sich auf die Steine, und wo sie sie berührte, wurde das Pflaster rot und begann zu rauchen. Hinter ihr bewegten sich weitere Schatten.
Ich rannte.
Durch die Via Sacra, vorbei an Menschen, die auf den Knien beteten, und an anderen, die gegen die Toten kämpften, ohne zu verstehen, warum ihre Schwerter nichts änderten. Ein Kind klammerte sich an die Hand seiner Mutter. Dann schlug eine herabstürzende Säule zwischen ihnen ein, und das Kind blieb allein zurück. Es rief nach ihr, doch niemand blieb stehen. Vor dem Titusbogen drängte sich die Menge, doch die Straße führte nicht mehr dorthin, wohin sie immer geführt hatte. Ein Riss klaffte zwischen den Bögen. Hinter ihm sah ich den Himmel selbst flackern.
Ich fand Zuflucht in einem Keller nahe dem Subura. Wir waren dort zu neunt, darunter ein Mann, der von den anderen aus der Nähe des Forums fortgezogen wurde. Der rote Blitz hatte ihn getötet, doch niemand wollte einen Toten draußen zurücklassen. Als er im Keller wieder die Augen öffnete und nach uns griff, drängten wir ihn hinaus und verriegelten die Tür. Danach waren wir nur noch zu acht.
Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Keller blieb. Als ich wieder hinauskam, brannte Rom an mehr Stellen, als ich zählen konnte. Über dem Forum hing ein roter Schein. Die Risse waren noch immer offen.
Man sagt, Rom sei gefallen, wenn seine Mauern fallen. Das ist nicht wahr. Rom fiel, als niemand mehr wusste, was ein Mensch ist und was aus dem Dunkel zurückkehrt.